Ein seltsamer Anruf – Sie sind unter uns!

Als vor ein paar Minuten mein Telefon läutete und ich mich sonntäglich faul dann doch überwand abzuheben, vernahm ich nur ein leises Rauschen und eine Abfolge von frikativen Lauten. Jemand nuschelte und zischte in den Hörer. Anfangs dachte ich, es sei einer meiner Cousins aus der Umgebung Stuttgarts und rief: »Willi oder Herbert, bist du das?«
Wobei ich aus dem „S“ ein „Sch“ machte und beim „Oder“ aus meinem Gaumen eine Löwengrube formte, um so angepasst, verständlicher für ihn zu klingen. Der Anrufer verstummte augenblicklich, murmelte eine Entschuldigung, rief aber dann, als ich schon im Begriff war die Verbindung zu trennen: »Warten Sie! Bitte legen Sie nicht auf, ich werde nämlich verfolgt.«
Jetzt war ich interessiert. Ich hatte zwar schon Millionen Dollar im Internet angeboten bekommen und einige Witwen aus Afrika per Mail kennengelernt, die genau mich auserkoren hatten, um ihr Geld anzulegen, aber diese Masche kannte ich noch nicht. Schon wollte ich mein Sprüchlein aufsagen, dass telefonische Geschäftsanbahnungen in Österreich ohne meiner ausdrücklichen Zustimmung verboten seien und ich keine Versicherung oder Einträge in Onlineadressbüchern brauchte, aber irgendetwas sagte mir, dass der verzweifelte Ton in seiner Stimme echt war. Ich blieb misstrauisch. Womöglich handelte es sich um einen jener entmutigten Bundesbürger, die schuldlos langzeitarbeitslos, enthoben ihrer Bürgerrechte und kurz vor dem Verlust ihrer Wohnung oder des Hauses stehend, sich Hilfe suchend an die vermeintlichen Brüder im EU-Reich wendeten um dort ihr Glück zu versuchten, um forthin von den Österreicherinnen und Österreichern ob ihres makellosen Hochdeutschs geachtet, im Handstreich die hiesigen Baumärkte, Supermarktkassen und Autozubehörläden zu übernehmen.
Misstrauisch fragte ich ihn, wie er denke, dass ich ihm behilflich sein könne und wo er sich denn aufhalte. Das täte nichts zur Sache, meinte er, er wolle nur sein Wissen mit irgendjemanden teilen, bevor man ihn erwischte, einer Gehirnwäsche unterzog oder gar ermordete und es einer ausländischen Mörderbande in die Schuhe schob. Ich sagte, ich sein ganz Ohr sei. Gleichviel, es war Nachmittag, im österreichischen TV liefen alte Schwarzweißfilme oder Blumensteckkurse aus den Achtzigern, auf den anderen Sendern Plagiate von amerikanischen Seifenopern mit immer denselben deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern, dass man Mühe beim Zappen hatte den richtigen Kanal wiederzufinden und erst nach etwa zwanzig Minuten erkannte, dass man sich im falschen Film befand. Also, eine willkommene Abwechslung.
»Na, von wem werden Sie denn verfolgt?«, fragte ich mitfühlend.
»Sie sind unter uns. Schon seit Jahrzehnten sind sie da und niemand hat es bemerkt.«
»Wer sind die?«
Schon dachte ich, ich hätte einen an Xenophobie Erkrankten an der Strippe der sich von fremdländisch anmuteten Mitbürger verfolgt sah, und überlegte eine Internetrecherche nach wirklich guten Seelenärzten abzusetzen und ihm zu raten, nicht zu lange mit dessen Konsultation zu warten.
»Die Außerirdischen sind da«, flüsterte er.

»Wie jetzt? Sie meinen, jemand von einem anderen Planeten?“

»Ja, genau die. Sie haben uns unterwandert. Ich habe Beweise.«

»Okay, Herbert, guter Gag. Wie geht’s der Familie? Habt ihr es in Baden-Württemberg auch so kalt wie wir hier?«

»Mein Name ist nicht Herbert, der tut nichts zur Sache. Sie glauben mir nicht. Keiner glaubt mir, dabei ist es doch so offensichtlich.«

Also nicht mein Cousin, doch ein Irrer.  »Und die Beweise wären?«

»Nun erst mal, die Aliens haben Probleme mit Tabakrauch.«

»Das Problem haben jetzt viele«, warf ich ein.

»Ja, aber warum massiv und so plötzlich?«

»Ich denke, wegen der medizinischen Forschungen und dem Beleg, dass Rauchen krank machen kann.«

»Klar, aber das weiß man doch schon lange. Nur die Aliens vertragen gar keinen Rauch und darum haben sie die Regierungen infiltriert und ihren Einfluss geltende gemacht. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, wie radikal die Antirauchergesetze durchgesetzt werden?«

Da war was dran, aber Außerirdische? „Ich dachte immer, dass das wegen des Passivrauchens sei. Ein mitmenschliches Schonverhalten für jene, die sich vor einer genetischen Neigung zu Krebs durch Tabakrauch fürchten. Ich selbst stehe mir seitdem auch aus Barmherzigkeit die Füße vor den diversen Lokalen in den Bauch und friere mir den Hintern ab. Denken Sie wirklich, dafür sind die Aliens verantwortlich?«

„Selbstverständlich! Abgase machen denen nichts. Sonst hätten sie doch schon längst durchgesetzt, dass die Hobbyradfahrer in ihren schicken Tressen und dem schlaksigen Körpern nicht mehr hinter stinkenden Lastkraftwagen hinterherradeln dürfen, oder dass offene Kamine und Lagerfeuer verboten werden.«

Das leuchtete mir irgendwie ein.

»Und wenn Ihnen das nicht reicht, dann denken Sie doch an die Leute, die kein Fleisch und keinen Fisch mehr essen oder an die, die sogar keinen Käse und Milch zu sich nehmen. Immer mehr Menschen ernähren sich nur mehr von Gemüse, meiden eiweißhaltige Nahrungsmittel und müssen Zusatzstoffe essen um ihren Mangel an Spurenelementen auszugleichen. Die Mehrzahl der Fleischverweigerer sind Frauen und gehören der gebildeten Schicht an. Das ist das Langzeitprogramm der Fremden. Störung der Blutzellbildung, Gewebsschwund der Magenschleimhaut, Verwirrtheit sowie erhöhter Homocysteinspiegel sind die Folgen, ja und Eisenmangel, besonders blöd, wenn man schwanger werden will.«

»Ein perfider Plan.«

»Genau! Aber das ist noch nicht alles. Ist ihnen denn noch nicht aufgefallen, dass sie auch die EU erfolgreich unterwandert haben? Was als Zusammenschluss geplant war, Frieden und Wohlstand bringen sollte, degeneriert unter dem Einfluss der Aliens immer mehr zu einem Nebel von Verordnungen und setzt bürokratische Hindernisse. Sie wollen uns den Mund stopfen, nicht nur uns, sondern auch unseren Kindern. Denken sie an die EU -Schnullerkettenverordnung, die auf 52 eng bedruckten Seiten und 8 Kapiteln mit jeweils bis zu 40 Unterpunkten alles aus Brüsseler Sicht Erforderliche zur Schnullerkette festlegt. Oder die Anpassung unserer Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände an die Physionomie der Aliens. Die Außerirdischen waren es, die das Gemüse normiert haben. Gurken durften nur eine Krümmung von zehn Millimetern auf zehn Zentimetern Länge aufweisen. Ein kleiner Teilerfolg für die Menschen, 2009 wurde diese Norm wieder abgeschafft, ein Tropfen auf den heißen Stein. Jetzt ernähren sich die Invasoren vornehmlich von Pizza „Neapolitana“, die laut EU-Richtline genaue Anordnungen enthält, wie sie auszusehen und zu schmecken hat. Auch vor unseren Äpfeln haben sie nicht Halt gemacht. Die sind laut EU genau nach Größe und Gewicht normiert.“

»Ach was! Das ist doch alles im Sinne der Konsumenten. Das ist noch lange kein Beweis für außerirdischen Einfluss«, warf ich ein.

»Sie Träumer. Was ist dann mit der Kondomverordnung?“

»Wie jetzt? So etwas gibt es?«

»Ja und ob. Und auch die haben sie ihren Verhältnissen angepasst. Die Länge der Verhüterli darf nicht weniger als 160 Millimeter betragen und die Weite nicht mehr als zwei Millimeter von der festgelegten Norm abweichen. Und jetzt kommt’s: Fünf Liter Flüssigkeit müssen in einem Kondom Platz finden.«

Das schien mir nicht besonders bedenklich, aber fünf Liter, das ging nun doch zu weit.

»Sie haben unsere Telekommunikation privatisiert, kontrollieren uns damit und diktieren die Preise, wollen das Trinkwasser als Handelsgut verkaufen, sitzen in Aufsichtsräten und haben Aktienanteile an allen großen Firmen. Sie bestimmen was wir lesen und wo wir unsere Bücher kaufen, bauen riesige und undurchsichtige Konzerne auf, alles nur mit dem Ziel, uns Menschen zu unterwerfen. Sie sind unter uns!«

Ich warf einen vorsichten Blick auf die Sitzfläche meiner Couch.

»Wie jetzt, bei uns auch schon?«

»Natürlich.«

»Dann sind das gar keine bundesdeutschen Urlauber, die unsere Gasthöfe und Familienpensionen besuchen, Ferien machen, dort wandern und Schi fahren.«

»Nein, natürlich nicht. Glauben Sie denn, die würden sich so anders als zu Hause verhalten? Sie sondieren das Gelände und schmeicheln sich ein. Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass viele von ihnen nicht mehr zurück wollen, oder zumindest kundtun, dass sie in der Rente für immer bei euch bleiben wollen.«

Oh Gott! Der Mann war vielleicht gar nicht so verrückt wie ich erst dachte. Die Zeichen sprachen für sich. Sie kamen, gaben sich begeistert, stopften sich mit Torten und Backwerk voll, um dann nach ein paar Tagen Küche und Theke zu unterwandern, sich wie die Eigentümer zu verhalten und alles besser zu wissen. Ein verständliches Verhalten für Außerirdische, denen es offenbar schwer fiel, mit ihrem Wissen hinter dem Berg zu halten.

»Was ist zu tun? Was können wir dagegen machen?« Ich war verwirrt.

»Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hilft es, wenn wir es an die Öffentlichkeit tragen.«

»Wie jetzt, bei uns hier in Österreich? Das glaubt mir doch kein Mensch.«

»Dann sind wir verloren«, kam es betrübt aus dem Hörer.

»Mal sehen«, sagte ich, »Hier wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wir haben ein natürliches Gen, das sichert unser Überleben.“

»Ein Gen? Das könnte die Rettung bedeuten«, rief der Mann erfreut. »Was bewirkt es?«

»Wenn es eng wird machen wir einfach langsamer, sind vordergründig höflich und geht uns jemand auf die Nerven, dann sind wir ganz freundlich, gehen ein Stück beiseite und tun das Gegenteil von dem, was man von uns erwartet.«

»Und das hilft?«

»Ja, es hat sich bewährt. Unser Geheimnis ist die Zäsur, das Innehalten, das Vertagen. Es brachte uns zwar den Ruf ein, dass wir ein wenig hinterwäldlerisch sind, aber das ist in Anbetracht Ihrer apokalyptischen Schilderungen nichts Schlechtes. Lassen wir die anderen bei ihrem Glauben, dass wir immer nur schunkelnd Volkslieder singen, Lederhosen tragen und alle auf einem Berg wohnen. Solange uns der Ruf nacheilt, dass wir gemütlich, lustig und ein wenig einfältig sind, werden sich die Außerirdischen nicht groß um uns kümmern.«

»Mensch, wenn das funktionierte, wir wären gerettet«, flüsterte der Mann aufgeregt, »Aber was soll ich jetzt machen, sie sind mir auf den Fersen.«

»Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann verhalten Sie sich einfach ganz natürlich. Nein, nicht so wie Sie es gewohnt sind. Seien Sie höflich, helfen sie zum Beispiel einer Dame in den Mantel oder halten Sie ihrem Vorder- aber auch Ihrem Hintermann die Tür auf. Geben Sie nur dann gute Ratschläge, wenn man sie danach fragt und verraten Sie sich um Himmels willen nicht durch ihre derben Witze oder anzüglichen Ansagen.«

»Und Sie meinen, das hilft?«

»Ich bin überzeugt davon und wenn Sie nicht herumrennen und damit signalisieren, dass Sie auf der Flucht sind, sondern sich in ein Lokal setzen, einen Kaffee oder ein Bier kaufen, mit irgendjemanden ein nettes, aber unverfängliches Gespräch ohne Gezeter und Gejammer führen und versuchen, den Eindruck zu erwecken, nicht die Welt mit Gewalt verbessern zu wollen, besteht noch Hoffnung.«

»Dann mach ich das mal. Ich hoffe es hilft.« Jetzt klang er irgendwie erleichtert. »Darf ich Sie wieder anrufen?«

Höflichkeitshalber stimmte ich zu, aber daran erkannte ich , dass er seine Lektion noch nicht so richtig verinnerlicht hatte. Er musste schnell lernen, um zu überleben. Ich wünschte ihm viel Glück, und meinte es ganz ehrlich.
Die Geschichte mit den Außerirdischen ist schon ein wenig bedrückend, nicht wahr? Aber jetzt mache ich mir erst einmal eine Melange und dann lasse ich mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen, oder vielleicht erst morgen?

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